Fernweh

Fernweh

Du schnappst nach Luft wie ein Ertrinkender, schmeckst stickig, staubig, enge Leere und wünschst es wäre Seeluft, die deine Lungen füllt. Und wenn du die Augen schließt, denkst du an weit entfernte Orte. Doch bist noch immer hier, in diesen vier Wänden. Du sagst, wo dich die Zeit vergisst, dort möchtest du sein, und bald musst du gehn, denn hier läuft sie dir davon. Im Lauf der Sonne willst du lesen, wie in einem Buch, du möchtest gehen, auf unentdeckten Wegen, ohne Ende, ohne Ziel. Du sagst: Ein Ziel lässt dich den Weg vergessen, doch der Weg hält Ziele offen, bis du sie unwissend erreichst, und bleibst, bis du weiter musst. Trotzdem bist du noch hier. Bist mit dem Blick, mit dem Herzen und dem stumpfen Bleistift in deiner Hand längst durch das Papier in deinem Skizzenblock gedrungen. Und bist noch immer hier, in diesen vier Wänden. Langsam, von Sehnsucht ganz schwer, dreht sich dein Kopf. Du blickst einem Vogel nach und wünschst, dir würden Flügel wachsen. Flügel. Rastlos, stets belastet, so wie du. Wünschst, du könntest fliegen. Du sagst, du musst hier raus doch du kennst zu viele Gründe, die dich halten. Du beklagst dich, dass sie dir den Weg versperren, doch insgeheim bist du froh, dass dich etwas hält, bist froh über den Aufschub und denkst dir: Irgendwann, irgendwann werde ich gehen. Also sitzt du, anstatt sie aus dem Weg zu räumen eingesperrt in deinem kleinen Zimmer, mit den vier Wänden und träumst von weit entfernten Orten. Denkst dir: Irgendwann. Du hörst Musik, die dich fort trägt, und bist doch froh mit den Füßen am Boden zu stehen. Nur mit den Gedanken willst du immer weiter hinaus. Willst höher fliegen, schneller laufen, weiter sehen. Und dein Herz ist zerrissen. Manchmal, manchmal stürzt du, überstürzt. Willst fort, sofort. Und reißt dich los, grenzenlos. Du stolperst, stolperst über deinen Schatten, der sich, noch nicht bereit zum Aufbruch, an dein zu Hause klammert. Du fällst hin, schreist: „Hier bin ich nicht zu Hause!“ und weißt, das ist gelogen. Du sagst leise: „Ich bin bereit.“ und weißt, das ist gelogen. Dann schließt du die Augen, denkst dir: „Irgendwann.“ Und das ist wahr.

Der Vogelkäfig

Der Vogelkäfig

Gestorbene Sehnsucht drückt den Körper nieder,
denn seine Flügel haben in der gefangenen Unbrauchbarkeit das Fliegen längst verlernt.
Träume von Freiheit,
grenzenlos,
sind in der Fremde der Gitterstäbe erstickt.
Ein Flügelschlagen wie aus weiter Ferne
treibt wie ein Herzschlag Leben an,
auch wenn der Geist die Flügelschläge lang nicht mehr zuordnen kann.
Verblasst ist der Glanz, der die Augen belebt.
Nach endlosen Himmeln und Weite er strebt.
Stumpf ist der Blick, der keine Regung mehr hält,
dringt weder in innere noch äußere Welt.
Nur manchmal,
wenn ein Windesstoß fährt unter samtenes Gefieder,
dann kehrt im ausgezehrten Herzen
kaum bemerkte Wehmut wieder.